Leben in Beziehungen

bei dir bleiben - während Beziehung geschieht

Beziehung für mich

Beziehung ist für mich kein Zustand und kein Vertrag.
Sie geschieht – innen wie außen, im jeweiligen Moment.

Innen bedeutet für mich: Körper, Verstand, Geist und Seele stehen miteinander in Beziehung. Nicht immer konfliktfrei, nicht immer einig. Kohärenz heißt für mich nicht, innere Widersprüche aufzulösen, sondern sie wahrzunehmen, ohne mich selbst zu verlassen.

Äußere Beziehung entsteht dort, wo Begegnung geschieht. Nicht, um Recht zu behalten. Nicht, um sich zu erklären. Und nicht, um den anderen zu verändern. Für mich geht es dabei um Gegenwärtigkeit im Moment – um Bleiben oder Nicht-Bleiben, um Zugehörigkeit im Hier und Jetzt.

Beziehung erschöpft sich für mich nicht in der Begegnung mit anderen Menschen.
Ich stehe auch in Beziehung zu dem, was mein Leben trägt und fordert:

  • zu Integrität, Arbeit und Elternschaft,
  • zu Worten – oder ihrem Fehlen –,
  • zu Geld, zu gesellschaftlichen Zusammenhängen,
  • zu Macht und Ohnmacht
  • und zu dem, was in der Welt geschieht.

Auch die Endlichkeit gehört für mich dazu – nicht nur der Tod setzt eine Grenze.

Inneres Erleben und äußere Begegnung lassen sich dabei nicht trennen. Ich begegne der Welt aus meinem inneren Erleben heraus – und Beziehung wirkt zurück nach innen. Beides geschieht gleichzeitig.

Ich kenne Beziehung nicht nur aus Verbundenheit, sondern auch aus Anpassung, Bruch und Neubeginn – als Tochter, Partnerin, Mutter, als Berufstätige in vorgegebenen Strukturen, als selbständig Tätige.

Beziehung zeigt sich für mich dort, wo etwas in Resonanz tritt – und ebenso dort, wo sie ins Stocken gerät. Wo Nähe möglich ist und Distanz gelebt werden kann.

Beziehung bedeutet für mich, bei mir zu bleiben, während Beziehung geschieht – Wahrnehmung ernst zu nehmen und Grenzen zu spüren, ohne sie verteidigen zu müssen. Für mich ist dabei nicht primär entscheidend, wie lange eine Beziehung dauert, sondern ob sie auf Augenhöhe geschieht.

Augenhöhe bedeutet für mich:
dass niemand sich kleiner machen muss, um zu bleiben.
Dass Unterschiedlichkeit Raum haben darf.
Dass Grenzen wahrgenommen und auch gezeigt werden dürfen, mit Worten und mit Schweigen.

Liebe verstehe ich dabei weniger als Gefühl oder Ideal, sondern als meine Haltung eines achtsamen, gewaltfreien Umgangs mit dem eigenen Erleben.

Beziehung muss für mich nicht harmonisch sein, aber sie darf kohärent sein. Nicht perfekt. Nicht abgeschlossen. Sondern lebendig und wahr im jeweiligen Moment.

Für mich bleibt Beziehung nur tragfähig, wenn die Würde aller Beteiligten gewahrt ist – oder wenn Verletzungen dieser Würde zumindest gesehen und verantwortet werden können.

Das ist Beziehung für mich.

Von Herzen,
Petra Nießen